Ein Spaziergang durch den Schönbuch in Zeiten der Pandemie

Von Petra Berger

 

In der Woche nach  Ostern. Was lässt die Kontaktsperre in diesen Pandemiezeiten noch zu, vor allem wenn man zur „vulnerablen“  Gruppe der Ü60 gehört. Auch die obersten Virologen der Republik  raten noch zu einem Spaziergang.  Ein Gang an der frischen Luft kann nur die Viren vertreiben und das Immunsystem stärken. Auch guter Kontakt stärkt die seelischen Abwehrkräfte und so tun sich zwei Freundinnen zusammen, um im Abstand von 1,5 Metern wieder durch den Schönbuch zu marschieren mit dem Ziel Waldenbuch bei zwei Anläufen zu umrunden. Dieses Mal ist es die Südroute. Vom Kalkofen geht es über das Hexenwegchen  am alten Friedhof vorbei ins Städtle. Der Hexenweg – wie oft bin ich ihn in meiner Zeit als Schülerin morgens in aller Frühe hinuntergestürzt, um gerade noch den Bus nach Tübingen zu erreichen. Wenn man lang genug in einem Ort lebt, sind viele Wege mit Erinnerungen gepflastert.

 

Jetzt gehen wir etwas gemächlicher und lassen unsere Blicke über die Stadtsilhouette schweifen. Von hier bietet sich ein Postkartenblick auf die Stadtkirche und das Schloss. Es ist wie ein Schleichweg hinunter von der Höhe des Kalkofens  ins Tal, wir begegnen keinem Menschen. Wir kommen am alten Friedhof vorbei und werfen einen Blick in diesen ruhigen Ort, laufen an den alten Gräbern vorbei und lesen die Namen auf den Steinen: u. a. Dr. med Wörtz – Ehrenbürger, Waldvögte E.L.R. von Roeder und Endreis Breitner, Postmeister Lenz,  Pfarrer Essig,  Kriegerdenkmal mit den Namen der im 1. Weltkrieg gefallenen Waldenbucher, sogar einen Gedenkstein mit den Namen der Gefallenen des Krieges gegen Frankreich 1870/71 (der ursprünglich an der Veitskirche stand) und einige Gräber mit für Waldenbuch typische Namen. Menschen, die in den zwanziger und noch vierziger Jahren starben, denn für die Verstorbenen der folgenden Jahre wurde der Neue Friedhof errichtet. Ein alter Friedhof des Vergessenseins? Welche Schicksale verbergen sich hinter diesen Namen, welche Rolle haben sie einstmals  für Waldenbuch gespielt? All diese Menschen finden hier unter dem  altem Baumbestand – wie die schönen, aufragenden, vom ehemaligen Stadtgärtner Schulz gepflanzten Mammutbäume – ihre Gedenkstätte und geraten doch in Vergessenheit.

 

Apropos Mammutbäume. Der ehemalige Stadtgärtner hatte eine Leidenschaft dafür. So finden wir sie nicht nur auf dem alten Friedhof, auch auf dem Neuen Friedhof ragen sie in die Höhe, auch am Tilsiter Weg und am Lerchenweg befinden sie sich.

 

Weiter geht es über den Graben und über die ehemalige B 27 ins Seitenbachtal. Einige Radfahrer fahren an uns vorbei. Das strahlende Wetter auch noch nach Ostern nutzen viele, um die Natur zu genießen, ihre Zeit zu planvoll zu füllen, denn noch ist das Arbeitsleben in Deutschland heruntergefahren, viele Menschen können nicht zur Arbeit gehen und müssen ihren Tag gestalten, strukturieren, um die Zeit des Stillstandes zu überstehen. Das wunderschöne Wetter in diesen Tagen hat es vielen Menschen erleichtert, mit der Situation fertig zu werden. Wie hätten wir uns gefühlt, wenn wir bei strömendem Regen zuhause eingepfercht gewesen wären?

 

Unser Weg führt uns vorbei an einer großen Herde Damwild, die auf dem abgegrasten Boden nach grünem Futter sucht. Später sehen wir den verwaisten Futterplatz mit viel Heu und Stroh. An der Seitenbachmühle geht es vorbei zum Schützenhaus und dann dem Tal entlang in Richtung Totenbachmühle. Die Natur hüllt sich noch in ein zartes Grün, die Wiesen entlang des sich dahin schlängelnden Baches mit ihren Frühlingsblumen und die Laubbäume, die ihre noch zarten, hellgrünen Blättchen vorsichtig aus den Zweigen strecken, zeigen den Frühling an. Bevor das Tal zu Ende geht, folgenden wir dem aufsteigenden Weg nach links, der uns durch den Laubwald stramm noch oben führt. Die Buschwindröschen mit ihren zarten weißen und rötlichen Blumen verbreiten sich zuhauf am Wegesrand und hinein in den  Wald. Die Vögel zeigen ihre vielzählige Gegenwart durch ihr ständiges Rufen, Zwitschern und Singen. Sie scheinen ihr Bestes zu geben auf der Suche nach der Partnerin, um mit ihr ein Nest zu bauen. Ansonsten umfängt uns die Stille des Waldes. Kaum ein anderer Mensch hat sich hierhin verirrt.  Erneut stehen wir an einer Weggabelung – kein Wegzeichen hilft uns weiter, führt der rechte oder linke Weg mit seinen Windungen hinauf auf die Höhe und zum Braunäckerparkplatz? Wir entscheiden uns für den Linken, treffen erneut auf die Bodenseewasserleitung, folgen ihr einfach hinauf und gelangen schließlich auf der Höhe an den Rand der Felder , gehen an ihnen entlang, bis uns die Fahrgeräusche der Autos zeigen, dass wir den Menschen wieder näher, aber auch auf dem richtigen Weg sind. Auf der Höhe zwischen Waldenbuch und Dettenhausen überqueren wir die Landstraße.

 

Auf dem Weg in Richtung Funkturm und Mammutbäume ist viel los. Väter mit ihren Kindern kommen mit ihren Fahrädern vorbei, Spaziergänger gehen höchstens in Zweiergruppen  im gebührenden Abstand an uns vorbei, indem sie auf der anderen Wegseite gehen, aber durch ein leichtes Lächeln auch wieder menschliche Verbundenheit zeigen, fast wie eine Art Entschuldigung, weil sie so sehr zur Seite ausweichen. Andere schauen einfach weg. Und dann zwingt uns auch noch das Fahrtgeräusch eines Auto ganz zur Seite. Ich bleibe stehen und erblicke ein Polizeiauto! Kontrolle oder freundliche Erinnerung?

 

Was wird von all den neuen Verhaltensweisen nach der Krise bleiben?

 

Werden wir uns nicht mehr die Hand zur Begrüßung geben, sondern uns ein Lächeln schenken? Wird die Gesichtsmaske ein Alltagsgegenstand an öffentlichen Orten wie in China? Werden wir noch mehr auf Hygiene achten an öffentlichen Orten- eigentlich kein Fehler. Ich habe mir schon früher darüber Gedanken gemacht, wie viele Menschen vor mir den Einkaufswagen mit ihren mehr oder weniger sauberen Händen geschoben haben. Wir sind sehr aufs Häusliche zurückgeworfen, was über mehrere Wochen bestimmt nicht immer einfach ist, aber nicht nur zu Stress führen muss. Wie viele Familien habe ich gesehen, die die Wege rund um Waldenbuch mit ihren Fahrrädern bevölkerten. Viele Eltern verbrachten mehr Zeit mit ihren Kindern, natürlich auch um die schulischen Dinge zu erledigen.

 

Hier im Wald fallen alle Spannungen von uns ab. Wir genießen die aufblühende Natur des Frühlings, den Wald, dessen Bäume nicht mehr die bloßen, kahlen Äste von sich strecken, sondern ein noch hauchdünnes, hellgrünes Kleid anziehen und so die  kräftigen Strahlen der Sonne schon etwas mildern. Die Zahl der Menschen wird geringer und bald sind wir wieder allein zu zweit. Und dennoch, auch in dieser Umgebung lässt uns der Gedanke an das Virus nicht ganz los, so sehr hat es das Denken in unserem Alltag in der letzten Zeit bestimmt und wird immer wieder zum Gesprächsgegenstand.

 

Wir nähern uns dem Funkturm. Aber der war schon immer von Menschen verwaist. Welch schöner Blick böte sich von seiner Spitze aus! Auf der Lichtung, die sich in seinem Vorfeld auftut, steht ein Mammutbaum, keiner aus den Samen, die König Wilhelm mal aus den USA bestellte, um sie alle in den Treibhäusern der Wilhelma hochziehen zu lassen und deren Zahl dann so groß war, dass er sie u.a. an diversen Stellen im Schönbuch einpflanzen ließ. Drei dieser Exemplare befinden sich ein Stück des Weges weiter an einer Weggabelung. Der hier neben dem Funkturm ist mit seinen ca. 3 Metern Höhe sozusagen noch ein Baby und steht etwas verloren auf der Wiese, aber mit genügend Raum, um sich mal mächtig entfalten zu können.

 

Bald danach biegen wir links ab und folgen einem Weg, der an dem oberen Ende der Wiesen rund um die Viehweide endet. Welch ein Ausblick! Die Landschaft öffnet sich weit über die Schönbuchlichtung rund um Waldenbuch, der Ort in seiner ganzen Ausdehnung, seinen Ortsteilen liegt vor uns. Der Nachmittag neigt sich seinem Ende zu und die Sonne taucht alles in ein mildes Licht. Die Bank, die hier steht, könnte keinen schöneren Platz haben. Wir lassen uns nieder und genießen und natürlich zücken wir unsere Handys um den Augenblick einzufangen, eine Erinnerung an unsere Wanderung. Unter uns liegt die Ponderosa, ein Ort, an dem manches Fest gefeiert wird  und den die Jugendlichen in der Sommerfreizeit für sich erobern. Wie wird es dieses Jahr sein? Am linken Teil des Gebäudes erheben sich mächtige Bäume in dunklem Grün, die unsere Aufmerksamkeit hervorrufen. Wir schlendern die Wiese hinunter und tatsächlich, schon wieder treffen wir auf Mammutbäume. Wer die wohl gepflanzt hat?

 

Wir halten uns rechts auf dem Weg, der uns durch ein Stück des Waldes in die Glashütte hinunterführt. Der Ort wirkt wie ausgestorben, nur wenige Menschen werkeln ums Haus, die Zeit des Stillstandes für häusliche Arbeiten ausnutzend. Es geht vorbei am alten Schulhaus, wo noch in der Weihnachtszeit die Menschen um die mit vielen Kerzen erleuchtete Tanne beim Glühwein zusammensaßen. Am Ende des Ortsteils liegt auch der Spielplatz verwaist. Ein stabiler Metallzaun verwehrt den Kindern den Zutritt, Corona sei Dank.

 

Wir unterqueren die Straße, die in Richtung Burkhardsmühle führt und laufen in der Liebenau  den Hans-Heinrich- Erler-Weg hinauf. Sie verdient zu Recht ihren Namen. Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren Freunde meiner Kinder hier abgeholt habe, um sie mit den Meinigen in den Kindergarten auf den Weilerberg zu fahren. Wegen des lieblicheren Klimas hier waren die Kinder aus der Liebenau immer etwas leichter angezogen als die Meinigen.

 

Wir biegen in  den hier beginnenden  Panoramaweg ein und nähern  uns dem Ende der Tour. Hier empfängt uns noch einmal das vielstimmige Zwitschern der Vögel, die links des Weges in den Hecken, den hoch aufragenden Bäumen und den naturbelassenen Gärten am Hang hinunter zur Straße in Richtung Burkhardsmühle ein ungestörtes Paradies finden. Ruht man sich  auf der Bank für einen Moment aus, lässt sich das Hin- und Herflattern der Vögel  ungestört beobachten.

 

Besonders in diesen Zeiten weiß man es zu schätzen, in einer solch schönen Umgebung zu wohnen.